Es ist ein strahlend blauer Tag in Magdeburg. Hinter der Johanniskirche im
Stadtzentrum, da wo der Autoverkehr rauscht und Wohnblocks in den Himmel ragen,
springen vier junge Typen von alten Stadtmauern in Bäume, von da auf den Boden
und rollen kunstvoll ab - doch um einen Tarzandreh geht es hierbei nicht. Sie
balancieren auf Treppengeländern und fliegen über Zäune - doch auch Artistik ist
es nicht. Man könnte meinen, sie posen, so schön sieht das aus - doch auch darum
geht es nicht.
Robert, Micha, Max und Christoph betreiben Parkour (frz.:
parcours) - einen Kunstsport, der aus Frankreich stammt und seit zwei Jahren
allmählich aber sicher auch Deutschlands Städte erobert. Auf Leinwänden und in
anderen Medien hat er schon längst seine magische Präsenz entfaltet. Selbst
James Bond alias Daniel Craig hechtet in einer Anfangssequenz von "Casino
Royale" in Parkour-Manier dem Bösen hinterher und Madonna lässt Traceure in
ihrem Video "Hung up" auftreten.
Beim Parkour geht es um "die effiziente
und schnelle Überwindung von Hindernissen im urbanen Raum, ohne Hilfsmittel und
das Ganze mit eleganten und fließenden Bewegungen", sagt Micha "und Traceure,
das sind die Aktionäre des Sports, was soviel heißt wie die, die den Weg ebnen".
Lust auf die Kunst der Fortbewegung, wie Parkour im Nebensatz bezeichnet wird,
hat Micha vor zwei Jahren nach einer Fernsehreportage bekommen. Daraufhin musste
er das sofort ausprobieren, hat sich im Internet schlau gemacht wie es richtig
geht und Freunde gefunden, die mitmachten. Übrig geblieben ist nur der harte
Kern, "denn Parkour sieht zwar einfach aus, bedeutet aber viel Arbeit und hartes
Training". Der harte Kern schloss sich vor einem halben Jahr zu einer Gruppe
namens "Senshi" zusammen und trainiert nun regelmäßig in der städtischen
Landschaft Magdeburgs.
"Manchmal sehen uns Leute zu, wenn wir auf einer
Trainingstour sind und denken, dass es total einfach ist und probieren dann
gleich gefährliche Sprünge aus", meint Robert. Eine Regel besagt aber, dass man
am Anfang keine Sprünge über Schulterhöhe machen sollte. Die verschiedenen
Hindernisse werden mit Hilfe von Techniken überwunden, die Namen wie etwa
"Katzensprung" (saut de chat) tragen. "Jeder kennt das wohl noch aus dem
Sportunterricht, wenn man den Bock in der Hocke überspringen sollte." Solche und
andere Regeln wollen Micha und seine Jungs auf dem 1. Parkour Treffen in
Magdeburg interessierten Menschen beibringen. Zudem erwarten sie auch andere
Profis, mit denen sie sich austauschen und möglicherweise ein Parkour-Netzwerk
in Sachsen-Anhalt aufbauen können.
Wichtig ist ihnen dabei besonders
eine Sache: Die Lehren des Parkourerfinders David Belles zu verbreiten. Der
Franzose lernte als Kind die "Méthode Naturelle" von seinem Vater, einst Soldat
in Vietnam, kennen. Diese Methode diente den Soldaten dazu, im Gelände möglichst
schnell vor dem Feind zu flüchten. Daraus entwickelte Sohn David Ende der 80er
Jahre die eigenständige Fortbewegungsmethode Parkour für den urbanen Raum.
Inhalte sind beispielsweise der Respekt vor der Umgebung, vor anderen und vor
sich selbst. "Zu beachten ist, dass sich der Traceur nur soviel zutraut, wie
viel sein Körper bereits leisten kann". Es geht also um Kontrolle und
Körpergefühl, nicht um Waghalsigkeit. "Außerdem nimmt man die Hindernisse so wie
sie sind und verändert sie nicht", erklärt Max. Die Parkourmentalität färbt dann
nach gewisser Zeit auch auf den Alltag ab. "Man lernt Prüfungen oder schwere
Entscheidungen Stück für Stück und mit hoher Konzentration anzugehen, oder sieht
seine Umgebung plötzlich ganz anders", sagt Max.
Parkour ist also viel
mehr als Posing, reine Ästhetik oder gar nur ein kommerzielles Medienerzeugnis.
Fälschlicherweise denken noch viele "es geht dabei um böse Jungs, und schon gibt
es Ärger, wenn man in einem Baum hängt oder eine Mauer hochklettert", sagt
Robert. Was Parkour für jeden einzelnen darstellt, wie viel Traceur in einem
steckt und wie man sich als solcher macht kann man auf dem Parkour Treffen in
Magdeburg am 12. und 13. Mai herausfinden. Los geht’s jeweils um 14:00 Uhr vor
dem Kloster unser Lieben Frauen. Mitzubringen sind ein nüchterner Kopf und
griffige Turnschuhe.